Ich werde oft gefragt, warum so viele meiner Figuren an einem Punkt stehen, an dem sie alles hinter sich lassen. Alex in „Masken der Begierde“, Leif in „Te Moana, mein Rauschen“, Tomas in „Im Herzen von Trastevere“ – sie alle schauen eines Tages in den Spiegel und erkennen sich nicht mehr.
Vielleicht fasziniert mich dieses Motiv, weil es etwas zutiefst Menschliches in sich trägt: die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Wir alle haben sie schon gespürt – beim Blick aus dem Bürofenster, in einer schlaflosen Nacht, beim zufälligen Gespräch mit einem Fremden. Aber die meisten von uns halten an ihrem Alltag fest. Meine Figuren nicht. Sie springen.
Leif verlässt Frankfurt und taucht in die Weite Neuseelands ein. Er sucht nicht nur neue Landschaften, sondern ein neues Selbst. Alex findet in Venedig eine Versuchung, die ihn zwingt, seine Beziehung und seine Moral zu hinterfragen. Tomas flieht vor der Leere eines erfolgreichen, aber einsamen Lebens und findet in Rom eine zweite Chance.
Diese Geschichten sind keine romantische Verklärung des Aussteigens. Sie sind ehrlich über den Schmerz, das Heimweh, den Zweifel. Aber sie zeigen auch den Rausch, wenn man begreift: Ich habe die Zügel in der Hand.
Vielleicht liebe ich Aussteiger-Geschichten, weil sie uns daran erinnern, dass Veränderung möglich ist – nicht nur in jungen Jahren, nicht nur, wenn es leichtfällt, sondern gerade dann, wenn der Preis hoch ist. Sie fordern uns heraus, den eigenen Mut zu prüfen.
Und wer weiß – vielleicht liegt der Reiz darin, dass wir beim Lesen den Sprung wagen können, ohne das eigene Leben zu riskieren. Aber manchmal, ganz selten, hinterlässt eine solche Geschichte einen leisen Stachel. Und der flüstert: Was, wenn…?
