Santa Maria de la Salute im Nebel

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Der Nebel schmiegt sich wie ein kühles, feuchtes Tuch um meine Wangen. Er schmeckt nach Salz und altem Stein, ein Duft, der nur Venedig gehört. Die Luft ist still, so still, dass ich das leise Plätschern der Wellen gegen die Gondeln hören kann, die vor mir im Dunst tanzen. Es ist ein sanftes, rhythmisches Schaukeln, ein Wiegenlied für eine Stadt, die noch nicht ganz erwacht ist.

Die Sonne ist nur ein blasser, pfirsichfarbener Kreis am Horizont, eine milchige Scheibe, die kaum Kraft hat, das dichte Violett des Morgens zu durchdringen. Ihre Strahlen malen keine klaren Linien, sondern verschwommene Flecken auf das Wasser, die wie vergossene Tinte schimmern. Im Zwielicht erheben sich die Kuppeln von San Giorgio Maggiore, ihre Konturen weichgezeichnet, als wären sie aus einem Traum aufgetaucht. Sie wirken nicht real, eher wie eine ferne Erinnerung, ein Flüstern aus einer anderen Zeit.

Unter mir spüre ich das sanfte Schwanken des Holzes. Zwei Gondolieri staken ihre Boote durch das unruhige Wasser, ihre Silhouetten sind kaum mehr als dunkle Schatten in der Dämmerung. Ihre Bewegungen sind kraftvoll und doch voller Anmut, eine Choreografie, die seit Jahrhunderten unverändert ist. Ich höre keine Rufe, keine Lieder, nur das Geräusch ihrer Ruder, die das Wasser teilen. Es ist ein Moment reiner, unverfälschter Schönheit, einsam und doch zutiefst verbunden mit dem Herzschlag dieser Stadt. Ein Gefühl von leiser Melancholie legt sich über mich, so zart wie der Nebel selbst – die bittersüße Erkenntnis, dass dieser Augenblick vergänglich ist, eine flüchtige Perle in der endlosen Kette der Zeit.

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