Das Wasser ist ein dunkler Spiegel, der die Lichter der Nacht in langen, zitternden Streifen einfängt. Ich stehe am Ufer und atme die kühle, salzige Luft ein, die von der Lagune herüberweht. Ein langer Tag liegt hinter mir, seine Geräusche und Gesichter verblassen langsam und machen Platz für diese Stille, die nur Venedig bei Nacht kennt.
Mein Blick gleitet über das sanft wogende Wasser zur Insel San Giorgio Maggiore. Die Fassade der Basilika leuchtet in einem warmen, fast unwirklichen Licht, als würde sie von innen heraus glühen. Jede Statue, jede Säule tritt aus dem Dunkel hervor, ein steinernes Gedicht an die Nacht. Daneben ragt der Campanile in den Himmel, seine rote Ziegelfarbe fast schwarz gegen den tiefblauen Samt des Firmaments.
Und dann der Mond. Er hängt nicht einfach nur am Himmel, er thront dort, voll und schwer, ein silbernes Auge, das über die schlafende Stadt wacht. Sein Licht ist so klar, dass ich die Krater und Meere auf seiner Oberfläche zu erkennen glaube. Er taucht die Kuppel der Kirche in ein fahles, geisterhaftes Leuchten und zieht eine flackernde Brücke aus Licht über das Wasser, direkt auf mich zu.
Ein leises Plätschern durchbricht die Stille, als ein fernes Vaporetto seine Bahnen zieht. Seine Lichter verschwimmen zu einem leuchtenden Band, das kurz die Dunkelheit durchschneidet und wieder verschwindet. Ich schließe die Augen und lausche. Ich höre das leise Gurgeln des Wassers, das gegen die Kaimauern schlägt, und den fernen, kaum hörbaren Klang einer Kirchenglocke. Es riecht nach feuchtem Stein, nach Algen und dem Versprechen von Regen.
In diesen Momenten, wenn die Stadt zur Ruhe kommt und nur noch flüstert, fühle ich mich ihr am nächsten. Ich bin nur eine stille Beobachterin, eine von vielen, die im Schatten der Paläste verschwinden. Doch hier, allein mit dem Mond und dem Wasser, fühlt es sich an, als würde die Stadt nur für mich atmen. Eine sanfte Melancholie legt sich wie ein weicher Schal um meine Schultern. Es ist kein trauriges Gefühl, eher ein tiefes, ruhiges Wissen um die Vergänglichkeit und die unendliche Schönheit, die in solchen Augenblicken liegt. Ich ziehe meinen Mantel enger und bleibe noch einen Moment stehen, um das Bild in mir zu bewahren, bevor ich langsam in die Dunkelheit der Gassen zurückkehre.
