luna sui canali

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Ich stehe hier, wo das Pflaster feucht ist und die Nacht den Tag verschluckt hat. Es ist still, eine Stille, die nicht leer ist, sondern gefüllt mit dem leisen Atmen der Stadt. Über mir, riesig und fast unheimlich nah, hängt der Vollmond. Sein Licht ist nicht kalt, es ist ein milchiges, sanftes Leuchten, das den feinen Nebel durchdringt, der über dem Wasser liegt.
Ich atme tief ein. Der Geruch von altem Stein, von Salz und von diesem modrigen, süßlichen Duft, den nur stehendes Kanalwasser in sich trägt, füllt meine Lungen. Es ist der Geruch der Vergangenheit, der hier in den Gassen hängen bleibt.
Meine Augen suchen die Details. Die Lichter in den Fenstern der alten Palazzi sind kleine, warme Rechtecke, ein Versprechen von Leben hinter den Mauern. Ein einzelnes Fenster leuchtet in einem kräftigen Magenta oder Violett – ein Bruch in der goldenen Melancholie, ein geheimer Gedanke, der nicht ganz zur Ruhe kommen will. Ich frage mich, wer dort wacht, wer diesen Moment mit mir teilt, ohne es zu wissen.
Das Wasser des Kanals ist ein Spiegel, aber ein unruhiger. Es zittert leicht, und die Reflexionen der Laternen und des Mondes ziehen sich in lange, goldene und silberne Streifen. Es ist, als würde das Licht unter der Oberfläche tanzen. Ich sehe die dunklen Silhouetten der kleinen Boote, die an den Holzpfählen festgemacht sind, wie schlafende Tiere, die auf ihre Fahrt warten.
Ein leises, dumpfes Geräusch. Vielleicht das ferne Schlagen eines Ruders, vielleicht nur das Wasser, das gegen die feuchten Holzpfähle schlägt. Es ist ein Rhythmus, der mich beruhigt. Ich bin nur ein Beobachter, ein stiller Gast in dieser Szene, die so perfekt und zeitlos wirkt.
Ich fühle die Kälte, die vom Wasser aufsteigt, aber es ist keine unangenehme Kälte. Es ist die Kälte der Klarheit. Ich lehne mich an die raue Steinmauer, spüre die Textur unter meinen Fingerspitzen. In diesem Moment, unter diesem übermächtigen Mond, finde ich die Schönheit in der Einsamkeit. Alles ist da, alles ist echt, und ich bin ein Teil davon, ohne etwas tun zu müssen. Ich muss nur sehen. Und fühlen. Und sein.

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