Aus Kapitel 1 – Abschied
Ich wache auf, bevor der Wecker klingelt. Er klingelt trotzdem, pflichtbewusst, als hätte er etwas zu verlieren, und ich drücke ihn aus, ohne hinzusehen. Die Stille in der Wohnung ist keine wohltuende Stille. Sie ist die Sorte, die entsteht, wenn alles seinen Sinn längst abgegeben hat, aber noch in der Haltung bleibt. Als würde jemand in einem Anzug schlafen.
Ich liege einen Moment und sehe an die Decke. Weiß, glatt, ein feiner Riss in der Ecke, den ich seit Jahren kenne. Ich habe ihn nie repariert. Nicht aus Faulheit, eher aus einem stummen Abkommen: Ein Makel, damit man nicht vergisst, dass man lebt. Heute wirkt der Riss wie eine lächerliche Geste. Ein Kratzer auf Glas.
Ich stehe auf, barfuß, gehe ins Bad. Das Licht ist hart. Der Spiegel zeigt mir mein Gesicht und ich erkenne es sofort, aber es fühlt sich an wie ein Gesicht, das ich verwalte, nicht wie eines, das ich bewohne. Die Augen sind wach. Zu wach. Kein Kaffee, keine Nacht, kein Stress erklärt diese Spannung unter der Haut.
Ich lasse das Wasser in der Dusche zu heiß laufen. Ich stelle mich darunter, bis der Dampf die Kabine füllt und die Konturen verschwimmen. Das Geräusch des Wassers ist das erste Geräusch heute, das nicht etwas von mir will.
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