Ein stiller Moment

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Ich stehe still, ein Schatten im Schatten des Bogens, und sehe zu. Die Kälte des späten Abends kriecht langsam durch meinen dicken Wollmantel, aber ich rühre mich nicht. Es ist diese Stunde, in der die Stadt ihre Hektik ablegt und nur noch das warme, gedämpfte Flüstern derer übrig bleibt, die sich gefunden haben.

Der Geruch von altem Stein, feuchtem Pflaster und einem Hauch von angebranntem Rosmarin aus der Küche vermischt sich zu dem vertrauten, melancholischen Duft, den ich so oft suche. Ich bin Chiara Anselmi, und ich bin eine Beobachterin. Meine Füße sind müde vom Tag, von den vielen Schritten, die mich durch Gassen und über Plätze getragen haben, aber meine Seele ist wach.

Mein Blick fällt auf den Tisch im Inneren, direkt hinter dem großen, gewölbten Fenster. Dort sitzen sie, drei Gesichter, die im goldenen Schein der Kerzen tanzen. Zwei dicke, weiße Wachskerzen stehen zwischen ihnen, kleine, private Sonnen, die nur für diesen Moment leuchten. Das Licht ist so weich, so schmeichelnd, es lässt die Backsteine der Wand dahinter wie altes Gold glühen.

Ich höre Fetzen ihrer Unterhaltung, ein helles Lachen, das wie ein Glöckchen klingt, die tiefe, beruhigende Stimme des Mannes. Sie beugen sich zueinander, eine intime, geschlossene Welt. Ihre Hände ruhen auf der dunklen Holzplatte des Tisches, die Oberfläche glänzt, als wäre sie mit Öl poliert. Ich sehe die leeren Teller, die auf dem Tisch im Vordergrund stehen, ein unberührtes Gedeck, das auf einen Gast wartet, der nicht kommen wird. Es ist mein Tisch, mein stiller Platz, den ich heute Abend wieder einmal gegen die Anonymität der Straße getauscht habe.

Ich fühle einen Stich, nicht des Neids, sondern einer leisen, poetischen Sehnsucht. Es ist die Sehnsucht nach diesem unbeschwerten Lachen, nach der Wärme, die von drei Menschen ausgeht, die sich in diesem Augenblick vollkommen genügen. Ich bin es gewohnt, allein zu sein, die Schönheit im Detail zu finden – in der Art, wie das Kerzenlicht die Kontur eines Gesichts nachzeichnet, in der tiefblauen Stunde, die sich draußen im Glas des Fensters spiegelt.

Ich atme tief ein. Der Moment ist perfekt, vollständig. Ich bin nicht Teil ihrer Geschichte, aber ich bin ihre Zeugin. Und als Zeugin halte ich die Magie dieses stillen Abends fest, bevor ich mich wieder in die Dunkelheit wende, meine eigenen, leisen Schritte auf dem nassen Stein höre und weitergehe. Die Wärme der Kerzen bleibt als ein goldener Fleck auf meiner Netzhaut zurück. Morgen werde ich diesen Moment in eine neue Skizze verwandeln. Morgen. Jetzt gehe ich.

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