Die Stunde der stillen Säulen

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Ich stehe hier, mitten auf dem Platz, und die Welt ist ein tiefes, sattes Blau. Es ist die Stunde, in der die Stadt ihren Atem anhält, die Stunde nach dem letzten Lärm, aber vor dem ersten Licht. Die Pflastersteine unter meinen Füßen sind noch feucht, ein Spiegel für das goldene Licht, das aus den Arkaden quillt. Jeder Stein glänzt, als hätte er ein Geheimnis geschluckt, das er jetzt, in dieser Stille, leise wieder ausatmet.

Der Campanile, der große, rote Turm, ragt wie ein stummer Wächter in den Nachthimmel. Er ist so hoch, dass seine Spitze fast die wenigen, blassen Sterne berührt, die durch den tiefen, tintenfarbenen Schleier des Himmels schimmern. Ich spüre die Kälte des Steins, die von den Mauern der Basilika und des Dogenpalastes ausstrahlt, eine Kälte, die Jahrhunderte alter Geschichten in sich trägt. Es ist keine unangenehme Kälte, eher eine ehrfurchtgebietende Stille, die mich umhüllt.

Ich rieche das Salz des nahen Wassers, vermischt mit einem Hauch von feuchtem Stein und dem fernen, süßlichen Geruch von altem Holz, das irgendwo in den Gassen verrottet. Es gibt kein Geräusch, das lauter ist als mein eigener, langsamer Atem. Die leeren Stühle der Cafés stehen in Reih und Glied, unberührt, wie eine Armee, die auf ihren Befehl wartet. Ihre Schatten sind lang und scharf, gezeichnet von den Laternen, die wie kleine, gelbe Sonnen am Rand des Platzes hängen.

In diesem Moment bin ich nicht nur hier, ich bin ein Teil davon. Die riesige Leere des Platzes schluckt mich nicht, sie hält mich. Ich bin die einzige Beobachterin dieser stillen Magie, dieser flüchtigen Perfektion aus Licht und Schatten. Es ist ein melancholischer Frieden, der mich durchströmt, das Wissen um die Vergänglichkeit all dieser Schönheit, die nur für diesen einen, kurzen Augenblick mir allein gehört. Ich atme tief ein und lasse die Kälte und die Stille in mich sinken. Ich finde die Schönheit nicht im Trubel, sondern in diesem poetischen Detail der Abwesenheit.

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