Corrado-Arato

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Ich stehe am Rand, die kalten Steine des Ufers drücken leicht gegen meine Stiefelsohlen. Über mir spannt sich der Himmel, ein weiches, milchiges Grau, das das Licht filtert und alles in eine gedämpfte, fast melancholische Klarheit taucht. Mein Blick folgt der Linie des Kanals, der sich wie ein smaragdgrünes Band zwischen den alten Häusern Venedigs hindurchschlängelt.

Ich rieche das Salz, das in der feuchten Luft liegt, vermischt mit einem Hauch von Moder und dem fernen, metallischen Geruch des Wassers. Es ist ein Geruch, der von Geschichte spricht, von Jahrhunderten, die diese Mauern gesehen haben. Ich ziehe den dicken Schal enger um meinen Hals, seine weiche Wolle ist ein kleiner, tröstlicher Anker in dieser kühlen Morgenstille.

Da kommt sie, die Gondel. Sie gleitet fast lautlos heran, nur das leise Schaben des Ruders im Wasser und das rhythmische Atmen des Gondoliere durchbrechen die Stille. Er steht aufrecht, eine dunkle Silhouette vor dem rötlichen Putz des gegenüberliegenden Hauses. Das Rot ist so tief, so warm, ein fast trotziger Farbtupfer gegen das blasse Licht.

Ich sehe die Gesichter der Menschen in der Gondel, verschwommen, in ihre Mäntel gehüllt. Sie sind Touristen, Besucher, die die Magie dieses Ortes suchen. Ich bin nur eine Beobachterin, eine stille Zeugin dieses alltäglichen Wunders. Ich spüre das Gewicht meines Rucksacks auf dem Rücken, das Leder ist kühl und vertraut. Es ist das Gewicht meiner eigenen kleinen Welt, die ich mit mir trage.

Das Wasser unter mir ist nicht klar, es ist tief und geheimnisvoll, ein Spiegel, der die Fassaden verzerrt und die Welt auf den Kopf stellt. Die Reflexionen tanzen, ein flüchtiges Spiel aus Licht und Schatten. Ich frage mich, wie viele Geschichten in diesen Tiefen verborgen liegen, wie viele Seufzer und Gelächter die Mauern dieses Kanals schon gehört haben.

Ein leiser Schmerz zieht durch meine Brust, eine süße, unbestimmte Sehnsucht. Es ist die Schönheit des Augenblicks, die mich überwältigt, seine Flüchtigkeit. Ich möchte diese Stille festhalten, diesen Moment, in dem ich allein bin mit der Stadt, bevor der Tag erwacht und die Hektik zurückkehrt. Ich atme tief ein. Es ist gut, hier zu sein. Es ist genug. Ich drehe mich nicht um, ich schaue nur zu, wie die Gondel langsam in die nächste Biegung verschwindet und die Stille wieder über den Kanal fällt. Nur das leise Plätschern des Wassers bleibt zurück, ein poetisches Echo in der melancholischen Luft.

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