Ich wache auf, bevor der Wecker klingelt. Er klingelt trotzdem, pflichtbewusst, als hätte er etwas zu verlieren, und ich drücke ihn aus, ohne hinzusehen. Die Stille in der Wohnung ist keine wohltuende Stille. Sie ist die Sorte, die entsteht, wenn alles seinen Sinn längst abgegeben hat, aber noch in der Haltung bleibt. Als würde jemand in einem Anzug schlafen.
Ich liege einen Moment und sehe an die Decke. Weiß, glatt, ein feiner Riss in der Ecke, den ich seit Jahren kenne. Ich habe ihn nie repariert. Nicht aus Faulheit, eher aus einem stummen Abkommen: Ein Makel, damit man nicht vergisst, dass man lebt. Heute wirkt der Riss wie eine lächerliche Geste. Ein Kratzer auf Glas.
Ich stehe auf, barfuß, gehe ins Bad. Das Licht ist hart. Der Spiegel zeigt mir mein Gesicht und ich erkenne es sofort, aber es fühlt sich an wie ein Gesicht, das ich verwalte, nicht wie eines, das ich bewohne. Die Augen sind wach. Zu wach. Kein Kaffee, keine Nacht, kein Stress erklärt diese Spannung unter der Haut.
Ich lasse das Wasser in der Dusche zu heiß laufen. Ich stelle mich darunter, bis der Dampf die Kabine füllt und die Konturen verschwimmen. Das Geräusch des Wassers ist das erste Geräusch heute, das nicht etwas von mir will.
„Das Haus roch nach Salz und nach der Abwesenheit von Menschen. Ich stand im Flur und betrachtete meine Koffer. In der Bank hatte ich gelernt, dass jedes Paket ein Risiko birgt. Dieses Paket hier hieß ‚Restlaufzeit‘. Ich öffnete das Fenster. Der Wind vom Atlantik schlug mir ins Gesicht wie eine kalte Hand, die mich daran erinnerte, dass ich hier nicht der Chef war. Ich war nur ein Mieter der Zeit.“
Auszug (Anfang des Romans, Stimme Hannes, Präsens):
Ich wache früh auf, weil das Haus Geräusche macht. Reetdachhäuser knacken nicht wie Neubauten. Sie atmen. Manchmal klingt es, als würde jemand über den Dachboden gehen. Es ist niemand. Es ist nur Holz, das sich erinnert, dass es einmal Baum war.
Der Hund steht schon vor der Tür. Kalle heißt er, wie ein Mann, der zu früh Bier trinkt. Er ist kein Mann. Er ist ein Tier, und genau deshalb ist er zuverlässig. Er will raus. Er will Feld. Er will Gerüche. Er will keine Vergangenheit.
Ich ziehe die Jacke über und gehe ohne Frühstück. Draußen liegt Tau auf dem Gras. Die Landschaft ist flach, ruhig, und sie sieht so aus, als hätte sie nie von Kiel gehört. Als wäre Kiel ein Gerücht, das nur in Köpfen existiert.
Wir laufen den Weg am Graben entlang. Kalle schnüffelt, markiert, prüft. Er arbeitet. Ich tue so, als würde ich auch arbeiten. Dabei gehe ich nur. Früher habe ich Zahlen bewegt. Heute bewege ich mich.
Ich bleibe kurz stehen, dort, wo man über die Felder sieht. Der Horizont ist eine Linie, die nicht diskutiert. Das mag ich. In der Bank waren Linien immer Verhandlungen.
Ich denke an sie. Nicht dramatisch. Nicht als Film. Eher wie ein kurzer Druck in der Brust, der kommt und geht. Sie war der Grund, warum ich dieses Haus wollte. Und sie war der Grund, warum es am Ende mir gehört.
Wenn man verwitwet ist, wird man plötzlich zum Besitzer von Dingen, die man nie besitzen wollte: Schlüssel, Ordner, der zweite Stuhl am Tisch. Man bekommt Freiheit, die keiner bestellt hat.
Zu Hause mache ich Tee. Kein Kaffee. Kaffee macht den Kopf schnell, und ich brauche ihn langsam. Ich setze mich an den Tisch, schaue in den Garten. Die Wege sind sauber. Die Beete sind ordentlich. Ordnung ist mein Hobby geworden, seit ich nicht mehr so tun muss, als wäre ich gelassen.
Im Flur hängt noch ihre Jacke. Ich sage mir seit Monaten, dass ich sie wegbringen werde. Ich sage es mir wie ein Termin, den man verschiebt, bis er sich von selbst erledigt. Er erledigt sich nicht. Er steht da und wartet.
Es klingelt um neun. Nicht das Telefon. Die Tür.
Ich öffne und sehe Mara.
Sie steht da, als wäre sie zufällig hier. In Wahrheit ist niemand zufällig hier. Mara trägt einen schlichten Mantel, die Haare zusammengebunden, und dieser Blick, der nicht fragt, sondern prüft. Ende dreißig, attraktiv, ohne es zu betonen. Attraktiv ist nicht die Form. Attraktiv ist die Selbstverständlichkeit.
„Moin“, sagt sie.
„Moin“, sage ich.
„Ich bin wegen der Reinigung da“, sagt sie. „Jens meinte, du brauchst jemanden. Und er meinte, ich soll nicht zu viel reden.“
Jens redet selten klug, aber manchmal trifft er das Richtige aus Versehen.
„Ich brauche niemanden“, sage ich.
Mara nickt, als hätte sie das erwartet. „Ja“, sagt sie. „Aber du willst trotzdem einen sauberen Boden.“
Ich mag die Logik. Sie ist unangenehm, weil sie stimmt.
„Schuhe aus“, sage ich.
Sie zieht die Schuhe aus und stellt sie ordentlich hin. Nicht weil sie muss. Weil sie will. Das ist der Unterschied, den man erst merkt, wenn man alt genug ist.
Ich gehe in die Küche, mache ihr keinen Tee. Tee ist Nähe. Und Nähe ist im Moment etwas, das ich mir nicht leisten will. Das ist die Art von Satz, die man sich nicht eingesteht, wenn man sich für einen guten Menschen hält.
Mara geht durch das Haus, ohne zu fragen, als hätte sie einen Plan. Sie wischt nicht sofort. Sie schaut. Sie sieht die Jacke im Flur. Sie sieht den zweiten Stuhl. Sie sieht die Bücher am Kamin. Sie sieht Dinge, die man sonst übersieht, weil man sich daran gewöhnt hat.
„Du wohnst hier, als würdest du gleich wieder ausziehen“, sagt sie.
„Ich wohne hier“, sage ich.
„Ja“, sagt Mara. „Aber du bist nicht hier.“
Ich sage nichts. Wer zu schnell widerspricht, verrät zu viel.
Aus dem Wohnzimmer höre ich Kalle, wie er sich hinlegt. Er hat keine Meinung dazu. Oder er hat eine, aber sie ist körperlich: Er entscheidet, wo es warm ist.
Mara fängt an zu putzen. Sie arbeitet ruhig, gründlich, ohne Musik, ohne Theater. Ich setze mich an den Tisch und lese Zeitung, ohne zu lesen.
Nach einer Weile sagt sie: „Du kochst gern, oder?“
„Man muss essen“, sage ich.
„Das ist keine Antwort“, sagt Mara.
Ich schaue kurz auf. „Ja“, sage ich. „Ich koche.“
Mara nickt, als hätte sie damit gerechnet. „Gut“, sagt sie. „Dann kochst du irgendwann mal für mich.“
Es ist kein Flirt in ihrer Stimme. Es ist eine Ansage, als wäre es logischer nächster Schritt. Ich merke, wie mein Körper kurz reagieren will: Abwehr, Humor, Höflichkeit. Ich entscheide mich für nichts.
„Wir werden sehen“, sage ich.
„Ja“, sagt Mara. „Wir werden sehen.“
Sie sagt es so, als hätte sie Zeit. Und vielleicht ist das das Erste, was mich an ihr beunruhigt.
Eva kam wieder. Nicht am nächsten Tag, nicht einmal in der nächsten Woche. Es waren zehn Tage vergangen, zehn Tage, in denen ich mich dabei ertappte, wie ich auf jeden Schritt auf dem Kiesweg lauschte, wie ich zum Wanderweg blickte, wenn ich auf der Terrasse saß. Zehn Tage, in denen ich mir einredete, dass es mir egal war, ob sie wiederkam oder nicht. Zehn Tage der Lüge. Es war ein Donnerstagnachmittag, die Sonne stand tief und warf lange, goldene Streifen über den See. Ich saß auf der Terrasse und versuchte, mich auf ein Buch über Verhaltensökonomie zu konzentrieren, als ich sie sah. Sie kam den Wanderweg entlang, denselben Rucksack auf dem Rücken, dieselbe selbstsichere Gangart. Mein Puls beschleunigte sich, eine unwillkürliche, ärgerliche Reaktion. Sie sah mich, hob kurz die Hand zum Gruß und kam direkt auf mein Grundstück zu. Keine Zögerung, keine Frage, ob sie willkommen war. Sie behandelte den Raum, als gehörte er ihr genauso wie mir. „Hallo, Julian“, sagte sie, als sie die Terrasse erreichte. „Eva“, erwiderte ich und legte das Buch beiseite. „Lange nicht gesehen.“ „Ich war unterwegs“, sagte sie und ließ ihren Rucksack auf den Boden fallen. „Darf ich mich setzen?“ „Natürlich.“ Sie setzte sich auf den Stuhl mir gegenüber, streckte ihre Beine aus und seufzte zufrieden. „Das ist ein guter Platz. Man könnte hier Stunden verbringen und einfach nur schauen.“ „Das tue ich“, sagte ich. Sie lachte leise. „Ja, das glaube ich. Sie haben das Gesicht eines Mannes, der zu viel Zeit zum Nachdenken hat.“ „Ist das eine Kritik?“ „Eine Beobachtung.“ Sie lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen. „Haben Sie Wein?“ Die Frage war direkt, fast fordernd. Ich stand auf und ging ins Haus. In der Küche öffnete ich eine Flasche Rotwein, einen guten Bordeaux, den ich seit Monaten nicht angerührt hatte. Ich nahm zwei Gläser und kehrte auf die Terrasse zurück. „Sie sind direkt“, sagte ich, als ich ihr ein Glas reichte. „Das Leben ist zu kurz für Umschweife“, antwortete sie und nahm einen Schluck. „Gut. Sie haben Geschmack.“ „Ich hatte Geld“, korrigierte ich. „Geschmack ist etwas anderes.“ „Zynisch.“ „Realistisch.“ Wir tranken schweigend. Es war keine unangenehme Stille. Sie war anders als die Stille, die ich mit Lena teilte. Mit Lena war die Stille geladen mit unausgesprochenen Erwartungen, mit Dingen, die sie sagen wollte, aber nicht wagte. Mit Eva war die Stille nur… Stille. Sie brauchte sie nicht zu füllen. „Was machen Sie hier?“, fragte sie schließlich. „Ich meine, warum sind Sie hier, an diesem See, in diesem Haus?“ „Ich bin geflohen“, sagte ich. Die Worte kamen, bevor ich sie zurückhalten konnte. „Wovor?“ „Vor mir selbst, vermutlich.“ Sie nickte, als wäre das die selbstverständlichste Antwort der Welt. „Und? Hat es funktioniert?“ „Was denken Sie?“ „Ich denke, man kann nicht vor sich selbst fliehen. Man nimmt sich immer mit.“ „Dann war es eine teure, nutzlose Übung.“ „Nicht unbedingt nutzlos“, sagte sie und blickte auf den See. „Vielleicht mussten Sie hierher kommen, um das zu erkennen.“
Aus Kapitel 6: Die Leere danach
In der Woche nach Lenas Abschied fühlte sich das Haus seltsam an. Nicht leerer – mit Eva war es tatsächlich voller als je zuvor. Aber es fühlte sich unvollständig an, als fehlte ein wichtiges Element. Ich vermisste Lena nicht im romantischen Sinne, aber ich vermisste ihre Präsenz, ihre stille Effizienz, die Art, wie sie das Haus zum Leben erweckte, ohne Lärm zu machen. Vor allem aber vermisste ich die Illusion. Die Illusion, dass alles in Ordnung war, dass mein Leben funktionierte, dass ich die Kontrolle hatte. Lena hatte diese Illusion aufrechterhalten. Sie hatte die Oberflächen poliert, die Kissen aufgeschüttelt, die Risse verdeckt. Ohne sie waren die Risse sichtbar. Das Haus war unordentlich, chaotisch, ehrlich. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem Gefühl auf, das ich nicht benennen konnte. Es war nicht Vorfreude, nicht Angst. Es war eine Art Erwartung, eine Spannung, die in der Luft lag wie die elektrische Ladung vor einem Gewitter. Ich ging wie immer zum See, ruderte in die Mitte, ließ das Boot treiben. Aber die Routine fühlte sich anders an. Ich ertappte mich dabei, wie ich zum Ufer blickte, zum Wanderweg, als würde ich jemanden erwarten. Ich verbrachte den Tag damit, zu lesen, zu kochen, die Stunden totzuschlagen. Aber meine Gedanken waren woanders. Ich analysierte die Begegnung mit Eva, sezierte jedes Wort, jede Geste. Was hatte sie gemeint, als sie sagte, der See sei tief und kalt? War es eine Beobachtung oder eine Warnung? Und warum kümmerte es mich überhaupt? Die Tage vergingen langsam. Ich fiel zurück in meine Routinen, aber sie fühlten sich hohl an, bedeutungslos. Ich ruderte, ich kochte, ich las. Aber alles war nur noch ein Warten. Ein Warten auf etwas, das vielleicht nie kommen würde. Und in diesem Warten erkannte ich etwas über mich selbst, das ich nicht wahrhaben wollte: Ich war einsam. Nicht die Art von Einsamkeit, die ich gesucht hatte, die kontrollierte, gewählte Isolation. Sondern eine tiefe, schmerzhafte Einsamkeit, die aus der Erkenntnis entstand, dass ich unfähig war, eine echte Verbindung zu einem anderen Menschen herzustellen.
Aus Kapitel 7: Gefrorene Zeit
Der Winter kam mit voller Wucht. Nicht allmählich, nicht sanft, sondern wie eine Faust, die sich um den See schloss und alles Leben aus ihm presste. Die Temperaturen fielen unter minus fünfzehn Grad, blieben dort tagelang. Der See fror vollständig zu, eine dicke Eisschicht, die unter dem Schnee verschwand. Die Welt wurde monochrom: weiß, grau, schwarz. Keine Farben, keine Nuancen, keine Hoffnung. Das Haus, das im Sommer so offen und luftig gewirkt hatte, wurde zu einer Falle. Die großen Fenster, die ich so geliebt hatte, ließen die Kälte herein. Die Heizung lief ständig, aber es war nie warm genug. Ich trug Schichten von Kleidung, wickelte mich in Decken, saß vor dem Kamin. Aber die Kälte war nicht nur physisch. Sie war in mir, in meinen Knochen, in meinem Herzen. Ich begann, mit mir selbst zu sprechen. Nicht laut, nicht am Anfang. Nur in meinem Kopf, ein ständiger innerer Monolog. Aber nach ein paar Wochen bemerkte ich, dass ich die Worte aussprach, dass ich Gespräche mit imaginären Gesprächspartnern führte. „Was machst du hier?“, fragte ich mich selbst, während ich vor dem Fenster stand und auf die weiße Leere starrte. „Ich warte“, antwortete ich. „Worauf?“ „Ich weiß es nicht.“ „Das ist keine Antwort.“ „Es ist die einzige, die ich habe.“ Ich wusste, dass es nicht gesund war. Ich wusste, dass ich die Grenze zur Instabilität überschritt. Aber ich konnte nicht aufhören. Die Stimmen waren das Einzige, das die Stille durchbrach, das Einzige, das mich daran erinnerte, dass ich noch existierte.
Ende der Leseprobe
„Seele im Exil“ – Ein Roman über die Unmöglichkeit der Flucht und den Mut zum Neuanfang.
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