Er stand mit der Kaffeetasse in der Hand vor der niedrigen Mauer und sah über das Tal. Nichts daran wollte beeindrucken. Keine große Geste, kein dramatisches Panorama. Hügel, Felder, vereinzelte dunkle Zypressen, irgendwo ein Dach, das in der Sonne stumpf glühte. Und gerade deshalb konnte er nicht aufhören hinzusehen.
Hinter ihm hörte er Schritte. Nicht eilig. Nicht vorsichtig. Claire trat aus dem Haus, als wäre der Morgen nicht etwas, das begann, sondern etwas, in dem sie längst stand.
„Du bist früh wach“, sagte sie.
Er zuckte mit einer Schulter. „Vielleicht habe ich verlernt zu schlafen.“
Claire stellte sich neben ihn, nicht zu nah. Sie sah nicht ihn an, sondern ebenfalls ins Tal. Das mochte er an ihr. Dass sie Gespräche nicht mit Blicken festnagelte.
„Oder“, sagte sie nach einer Weile, „du hörst einfach nur endlich, wie still es ist.“
Er nahm einen Schluck Kaffee. Er war zu stark, ein wenig bitter, und genau richtig. Unten bellte irgendwo ein Hund, einmal nur, dann nicht mehr. Der Wind strich durch die trockenen Halme am Weg. Mehr geschah nicht. Und doch hatte er das Gefühl, als würde etwas in ihm langsam die Haltung verlieren, die es jahrelang gehalten hatte.
„Ich weiß nicht, ob ich bleiben kann“, sagte er schließlich.
Claire nickte, als hätte er etwas völlig Unaufregendes festgestellt. „Musst du auch nicht.“
Er sah sie an. „Das wäre in Frankfurt keine gültige Antwort gewesen.“
Jetzt lächelte sie, ganz leicht. „Das ist nicht Frankfurt.“
Mehr sagte sie nicht. Sie stellte ihre Tasse auf die Mauer, strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und ging hinüber zu den Kräutertöpfen. Rosmarin, Thymian, Salbei. Ihre Hände bewegten sich ruhig, ohne Zärtlichkeit, aber mit Aufmerksamkeit. Als würden Pflanzen nichts anderes verlangen als Genauigkeit.
Er blieb stehen und sah ihr zu. Vielleicht war es das, was ihn hier am meisten irritierte: dass niemand etwas von ihm verlangte. Keine Erklärung. Keine Version seiner selbst. Kein Plan. Sogar die Landschaft schien auf eine unverschämte Weise gleichgültig zu sein. Sie war einfach da. Und plötzlich kam ihm das nicht mehr kalt vor, sondern großzügig.
Zum ersten Mal seit langer Zeit dachte er nicht an den Tag als eine Liste. Nicht als Strecke, nicht als Leistung, nicht als etwas, das abgearbeitet werden musste. Der Morgen lag vor ihm wie eine offene Fläche. Er wusste nicht, was daraus werden würde. Aber zum ersten Mal fühlte sich dieses Nichtwissen nicht nach Verlust an.
