Leseprobe Reet

Kapitelanfang – „Garten“ (Auszug)

Ich stehe am Ende des Gartens und sehe über die Fläche, als würde der Blick etwas lösen. Der Wind kommt flach, nicht stark, nur konsequent. Kalle sitzt neben mir und tut so, als hätte er diesen Ort erfunden.

Man sagt, Ruhe sei ein Geschenk. Ich habe sie mir gekauft. Mit Zeit, mit Abstand, mit der Art von Ordnung, die alles glatt macht, bis auch das Wehtun keine Kante mehr hat.

Ich höre nichts außer Wind und einem entfernten Vogel. Trotzdem ist es nicht still. Stille ist nicht das, was draußen passiert. Stille ist das, was innen übrig bleibt, wenn niemand mehr redet.

Ich drehe mich um. Das Haus steht da wie ein Versprechen. Reet, Fenster, Kamin. Es wirkt, als wäre es für mich gebaut worden. Vielleicht war das der Fehler: zu viel Passung.

Als ich die Tür öffne, rieche ich Tee und Holz und etwas, das nicht ins Haus gehört. Papier.

Auf dem Tisch liegt ein Umschlag. Kein Fenster. Keine Marke. Nur mein Name. Sauber geschrieben, fast schön.

Ich lege die Hand drauf und spüre keinen Schrecken. Nur Widerwillen. Das ist neu. Früher hätte ich sofort reagiert. Jetzt sitze ich erst.

Kalle kommt näher, legt den Kopf auf meinen Fuß. Er hat keinen Begriff für Fristen, aber er kennt meine Schritte. Wenn ich stocke, wird er schwerer.

Ich öffne den Umschlag nicht sofort. Ich setze Wasser auf, als wäre Wasser ein Schutz. Dann öffne ich ihn. Ein Blatt. Zwei Zeilen.

„Du warst immer der Vernünftige. Lass uns das vernünftig lösen. Heute siebzehn Uhr. Allein.“

Allein ist das einzige Wort, das wirklich droht.

Ich atme aus. Ich nehme das Handy, mache ein Foto. Dann lege ich das Blatt zurück auf den Tisch, als wäre es ein Gegenstand, nicht eine Einladung.

Ich gehe wieder raus. Wind. Weite. Garten.

Und ich denke: Wenn das mein Leben ist, dann entscheide ich jetzt, wer hier wohnen darf. Und wer nicht.