Leseprobe REET

Auszug (Anfang des Romans, Stimme Hannes, Präsens):

Ich wache früh auf, weil das Haus Geräusche macht. Reetdachhäuser knacken nicht wie Neubauten. Sie atmen. Manchmal klingt es, als würde jemand über den Dachboden gehen. Es ist niemand. Es ist nur Holz, das sich erinnert, dass es einmal Baum war.

Der Hund steht schon vor der Tür. Kalle heißt er, wie ein Mann, der zu früh Bier trinkt. Er ist kein Mann. Er ist ein Tier, und genau deshalb ist er zuverlässig. Er will raus. Er will Feld. Er will Gerüche. Er will keine Vergangenheit.

Ich ziehe die Jacke über und gehe ohne Frühstück. Draußen liegt Tau auf dem Gras. Die Landschaft ist flach, ruhig, und sie sieht so aus, als hätte sie nie von Kiel gehört. Als wäre Kiel ein Gerücht, das nur in Köpfen existiert.

Wir laufen den Weg am Graben entlang. Kalle schnüffelt, markiert, prüft. Er arbeitet. Ich tue so, als würde ich auch arbeiten. Dabei gehe ich nur. Früher habe ich Zahlen bewegt. Heute bewege ich mich.

Ich bleibe kurz stehen, dort, wo man über die Felder sieht. Der Horizont ist eine Linie, die nicht diskutiert. Das mag ich. In der Bank waren Linien immer Verhandlungen.

Ich denke an sie. Nicht dramatisch. Nicht als Film. Eher wie ein kurzer Druck in der Brust, der kommt und geht. Sie war der Grund, warum ich dieses Haus wollte. Und sie war der Grund, warum es am Ende mir gehört.

Wenn man verwitwet ist, wird man plötzlich zum Besitzer von Dingen, die man nie besitzen wollte: Schlüssel, Ordner, der zweite Stuhl am Tisch. Man bekommt Freiheit, die keiner bestellt hat.

Zu Hause mache ich Tee. Kein Kaffee. Kaffee macht den Kopf schnell, und ich brauche ihn langsam. Ich setze mich an den Tisch, schaue in den Garten. Die Wege sind sauber. Die Beete sind ordentlich. Ordnung ist mein Hobby geworden, seit ich nicht mehr so tun muss, als wäre ich gelassen.

Im Flur hängt noch ihre Jacke. Ich sage mir seit Monaten, dass ich sie wegbringen werde. Ich sage es mir wie ein Termin, den man verschiebt, bis er sich von selbst erledigt. Er erledigt sich nicht. Er steht da und wartet.

Es klingelt um neun. Nicht das Telefon. Die Tür.

Ich öffne und sehe Mara.

Sie steht da, als wäre sie zufällig hier. In Wahrheit ist niemand zufällig hier. Mara trägt einen schlichten Mantel, die Haare zusammengebunden, und dieser Blick, der nicht fragt, sondern prüft. Ende dreißig, attraktiv, ohne es zu betonen. Attraktiv ist nicht die Form. Attraktiv ist die Selbstverständlichkeit.

„Moin“, sagt sie.

„Moin“, sage ich.

„Ich bin wegen der Reinigung da“, sagt sie. „Jens meinte, du brauchst jemanden. Und er meinte, ich soll nicht zu viel reden.“

Jens redet selten klug, aber manchmal trifft er das Richtige aus Versehen.

„Ich brauche niemanden“, sage ich.

Mara nickt, als hätte sie das erwartet. „Ja“, sagt sie. „Aber du willst trotzdem einen sauberen Boden.“

Ich mag die Logik. Sie ist unangenehm, weil sie stimmt.

„Schuhe aus“, sage ich.

Sie zieht die Schuhe aus und stellt sie ordentlich hin. Nicht weil sie muss. Weil sie will. Das ist der Unterschied, den man erst merkt, wenn man alt genug ist.

Ich gehe in die Küche, mache ihr keinen Tee. Tee ist Nähe. Und Nähe ist im Moment etwas, das ich mir nicht leisten will. Das ist die Art von Satz, die man sich nicht eingesteht, wenn man sich für einen guten Menschen hält.

Mara geht durch das Haus, ohne zu fragen, als hätte sie einen Plan. Sie wischt nicht sofort. Sie schaut. Sie sieht die Jacke im Flur. Sie sieht den zweiten Stuhl. Sie sieht die Bücher am Kamin. Sie sieht Dinge, die man sonst übersieht, weil man sich daran gewöhnt hat.

„Du wohnst hier, als würdest du gleich wieder ausziehen“, sagt sie.

„Ich wohne hier“, sage ich.

„Ja“, sagt Mara. „Aber du bist nicht hier.“

Ich sage nichts. Wer zu schnell widerspricht, verrät zu viel.

Aus dem Wohnzimmer höre ich Kalle, wie er sich hinlegt. Er hat keine Meinung dazu. Oder er hat eine, aber sie ist körperlich: Er entscheidet, wo es warm ist.

Mara fängt an zu putzen. Sie arbeitet ruhig, gründlich, ohne Musik, ohne Theater. Ich setze mich an den Tisch und lese Zeitung, ohne zu lesen.

Nach einer Weile sagt sie: „Du kochst gern, oder?“

„Man muss essen“, sage ich.

„Das ist keine Antwort“, sagt Mara.

Ich schaue kurz auf. „Ja“, sage ich. „Ich koche.“

Mara nickt, als hätte sie damit gerechnet. „Gut“, sagt sie. „Dann kochst du irgendwann mal für mich.“

Es ist kein Flirt in ihrer Stimme. Es ist eine Ansage, als wäre es logischer nächster Schritt. Ich merke, wie mein Körper kurz reagieren will: Abwehr, Humor, Höflichkeit. Ich entscheide mich für nichts.

„Wir werden sehen“, sage ich.

„Ja“, sagt Mara. „Wir werden sehen.“

Sie sagt es so, als hätte sie Zeit. Und vielleicht ist das das Erste, was mich an ihr beunruhigt.