Ich stehe am Rand der Welt, wo die Luft sich in Nebel auflöst und die Konturen der Dinge weich werden wie alte Erinnerungen. Unter mir spannt sich der , nicht als Brücke, sondern als Seufzer selbst – ein langgezogener, steinerner Atem zwischen den Ufern der Zeit. Die Nacht hat sich noch nicht ganz zurückgezogen, doch das erste Licht des Tages sickert durch die Ritzen der Stadt, als würde jemand hinter den Fenstern vorsichtig .
Die Kälte ist kein scharfer Stich, sondern eine . Sie kriecht unter meinen Mantel, legt sich wie ein zweiter Schatten um meine Schultern. Der Stein unter meinen Handflächen ist nass, nicht vom Regen, sondern vom Atem des Kanals, der sich als Dunst an die Mauern schmiegt. Ich spüre die von Händen, die hier verharrt, gezögert, geliebt haben. Jede Kerbe erzählt eine Geschichte, die niemand mehr hört.
Das Licht – immer wieder das Licht. Es fällt schräg durch den Morgennebel, fängt sich in den Eisen Gittern der . Ihre Glut ist warm, fast greifbar, ein Kontrast zu dem blassen Blau, das alles andere umhüllt. Es ist, als würde die Stadt zwei Sprachen sprechen: die kühle, distanzierte des Nebels und die intime, flüsternde der Laternen, die mir zuraunen, dass ich nicht ganz allein bin. Irgendwo brennt noch ein Feuer. Irgendwo wartet noch jemand.
Der Kanal darunter ist still, so still, dass ich fürchte, er könnte erstarren. Kein Plätschern, kein Klirren von Rudern, nur das gelegentliche Tropfen von irgendwoher – vielleicht von einem Dach, vielleicht von einer Träne, die sich endlich gelöst hat. Der , untermalt von etwas Süßlichem, das ich nicht benennen kann. Vielleicht ist es der Duft der Glyzinien, die sich im Frühling über die Balkone stürzen, vielleicht ist es der Hauch von Holzfeuern, die in den engen Gassen glimmen.
Ich beuge mich vor, nur ein wenig, und sehe mein eigenes , sondern zerbrochen in tausend flüssige Fragmente. Für einen Moment bin ich nicht ich, sondern nur ein Teil des Ganzen, ein Schatten zwischen Schatten, ein Seufzer zwischen Seufzern. Die Stadt atmet mich ein und aus, und ich lasse es zu.
Die . Die Bögen des Ponte dei Sospiri wirken wie Rippen eines schlafenden Tieres, die sich langsam heben und senken. Die Fenster der Paläste sind Augenlider, halb geschlossen, als würden sie träumen. Und ich? Ich bin der einzige wache Zeuge dieses Traumes, ein Fremder in einer Welt, die sich an mich erinnert, ohne mich zu kennen.
Plötzlich – ein Geräusch. Nicht laut, nicht nah, nur das leise Knarren einer Tür irgendwo in den Tiefen der Gassen. Ich halte den Atem an. Schritte? Nein. Nur der Wind, der sich in den engen Passagen verfängt und wieder löst, wie . Die Stille kehrt zurück, dichter als zuvor.
Ich schließe die Augen und spüre, wie die Stadt mich trägt. Sie braucht mich nicht, aber sie duldet meine Anwesenheit, wie sie die Tauben duldet, die sich auf den Gesimsen niederlassen, wie sie die Flechten duldet, die sich in die Ritzen der Steine fressen. Alles hat hier seinen Platz, selbst die Vergänglichkeit.
Als ich die Augen wieder öffne, hat sich der Nebel ein wenig gelichtet. Die Laternen sind blasser geworden, ihr Gold erloschen. Der Tag beginnt, langsam, unaufhaltsam. Bald werden die Gassen sich füllen mit Stimmen, mit Schritten, mit dem Klirren von Gläsern und dem Lachen von Kindern. Doch in diesem Moment gehört die Stadt noch mir – und ich gehöre ihr.
Ich strecke die Hand aus und berühre einen der Steine. Er ist kalt, aber nicht unfreundlich. Unter meinen Fingern spüre ich die Jahrhunderte, die er getragen hat, die Geschichten, die er verschluckt hat. Ich flüstere etwas, das ich selbst nicht verstehe, und lasse die Hand sinken.
Es ist Zeit zu gehen. Aber ich weiß, dass ich zurückkehren werde. Immer wieder. Denn es gibt – und in uns.
